Sankt Marcus Ev. Lutherische Gemeinde

Watertown, Wisconsin

Predigt: Psalm 22

Pastor Karl Walther

10 April 1998



Er ist um unserer Missethat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet. Amen.

Unseren Text finden wir aufgezeichnet in dem zweiundzwanzigten Psalm, ausgewählte Versen:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule, aber meine Hülfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute, und Verachtung des Volks. Alle, die mich sehen, spotten meiner, sperren das Maul auf, und schütteln den Kopf: Er klage es dem Herrn, der helfe ihm aus, und errette ihn, hat er Lust zu ihm.

Große Farren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringet: Ihren Rachen sperren sie auf wider mich, wie ein brüllender und reißender Löwe. Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennet; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, und meine Zunge klebet an meinen Gaumen; und du legest mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat sich um mich gemacht; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich möchte alle meine Gebeine zählen. Sie aber schauen, und sehen ihre Lust an mir. Sie theilen meine Kleider unter sich, und werfen das Loos um mein Gewand.

Dies' ist unser Text.

Liebe Mitgläubiger an unserem gekreuzigten Heilande, Jesu Christo:

Die Worte "ich liebe dich" verlangen auch liebreiche Taten. Es ist leicht die bloßen Worte "ich liebe dich" auszusprechen. In der Ehe, zum Beispiel, kann ein Mann seiner Frau "ich liebe dich" ohne Denken leicht sagen. Ein Mädchen kann ihrem Freunde "ich liebe dich" leichtfertig auch sagen.

Aber wenn liebreiche Taten die Worte "ich liebe dich" begleiten, dann bemerken wir wahrhaftige Liebe. Wenn Vater und Mutter ihre Zeit, ihre Kraft, und ihr Geld auf ihre Kinder verwenden, so wissen wir, daß diese Eltern die Kinder lieben. Wenn ein Mensch sich in Gefahr stellt, seinen Freund zu bewahren, so wissen wir durch seine Taten, daß er seinen Freund wahrlich lieb hat.

In unserem heutigen Texte spricht Jesus durch David tausend Jahre vor seiner Kreuzigung, und er sagt zu uns sehr persönlich, "ich liebe dich." Er sagt "ich liebe dich" nicht nur mit Worten, sondern er beweist es auch durch seine Taten, daß er uns sicherlich lieb hat. Jesus beschreibt zunächst seine leiblichen Schmerzen auf dem Kreuze, erklärt dann sein geistliches Leid, und drittens erzählt er uns, daß er auf dem Kreuze eigentlich von Gott dem Vater getrennt war.

Jesus erweist seine Liebe für uns als wahr, zum Ersten, durch seine leibliche Schmerzen auf dem Kreuze. Im allgemeinen malet diese messianische Weissagung ein Bild von ganzer Schwachheit. Der Messias sagt: Ich bin ausgeschüttet wie Wasser. Auf Englisch sagt man, wenn einer sehr schwach ist, daß er "dräniert" ist. So war's mit Jesu hier. Jesus sagt auch: Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben. Gleichwie Ton sehr brüchig ist, wenn er ein Scherben ist, so war Jesus ohne Kraft sehr brüchig. Um unsere Sünde zu sühnen, hatte er seine göttliche Allmacht abgelegt. Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Diese Worte betonen abermal gänzliche Schwachheit ohne geringste Kräfte. Jesus beschreibt seine Schwachheit auch durch Gegensatz. Er hätte sagen können: Ich möchte alle meine Gebeine zählen, und: Große Farren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringet. Das mußte es verursachen, daß Jesus noch schlechter fühlte.

Also war Jesus an dem Kreuz im allgemeinen sehr schwach. Aber Jesus redet uns von spezifischen Schmerzen auch, und diese Schmerzen waren ihm besonders schrecklich. Sie haben meine Hände und Füße durchgraben, sagt er. Nicht nur war sein ganzes Leib ganz schmerzlich und schwach, sondern Jesus litt auch von vier sehr scharfen Wunden. Sie teilen meine Kleider unter sich, sagt Jesus. Man braucht warme Kleider in Jerusalem früh in April-- gewöhnlich ist die Temperatur nur fünfundfünfzig Grade. Also war es Jesu recht kalt besonders während der Stunden der Finsternis. Alle meine Gebeine haben sich zertrennet. Leute, die von Arthritis leiden, wissen, daß diese Entzündigung sehr schmerzhaft ist. Aber alle die Gebeine Jesu wurden zertrennet! Auch sagt Jesus: Meine Zunge klebet an meinem Gaumen. Gleichwie es einen Menschen nach Chirurgie mit ihren Wunden sehr dürstet, so konnte Jesus seinen Mund nich nässen. Schließlich wissen wir auch, daß diese schreckliche Schmerzen ihr Ziel erreichte, weil Jesus sagt: Du legest mich in des Todes Staub.

Nun können wir vielleicht an Anderen denken, die auch durch Schwachheit, Schmerzen, oder Tod ihre Liebe beweisten. Ich schätze die Liebe meiner Frau, die während ihren Schwangerschaften oft sehr schwach war. Wir schätzen die Liebe der Menschen, die durch schmerzliche Chirurgie eine Niere einem Anderen geben. Wir verehren die Polizei und die Feuerwehr-- Menschen, die ihr eigenes Leben oft in Gefahr stellen, um andere zu retten. Aber Jesus hat viel mehr getan. Er litt tiefere Schwachheit und schmerzlichere Schmerzen. Und eigentlich gab er sein Leben, obwohl er Gott ist. Und noch mehr, er litt die größte Schmerzen als unser Stellvertreter, an der Stelle von den größten Sündern. Gewiß liebt er uns sehr.

Zweitens erweist Jesus seine Liebe für uns als wahr durch sein geistliches Leid auf dem Kreuze. Jesus erzählt uns, wie die Leute am Golgatha sich gegen ihn verhielten. Er sagt: Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch. Ein Wurm ist im besten Falle wertlos, im schlechtesten Falle eine Pest. Also hielt das Volk Jesum für den schlechtesten von Verbrechern. Ich bin ein Spott der Leute, und Verachtung des Volks. Am Kreuze musste der Heiland zuhören als die Leute ihn lästerten, als sie sagten, was sie nur wollten.

Jesus berichtet das Ergebnis: Alle, die mich sehen, spotten meiner, sperren das Maul auf, und schütteln den Kopf. Ihr wisset, daß die Schmerzen, die Spott bringt, schlimmer sein können, als leibliche Schmerzen. Und dieser Spott machte Jesu persönlich Schmerzen. Er sagt: Ihren Rachen sperren sie auf wider mich, wie ein brüllender und reißender Löwe. Und nicht nur machten die Menschen Jesu Schmerzen mit ihrem Munde, sondern auch durch ihre Augen. Sie aber schauen, und sehen ihre Lust an mir, sagt Jesus. Schamgefühl ist schlecht genug, wenn man sich verbergen kann, aber Jesus litt Schamgefühl im Freien.

Wir bemerken auch den Inhalt des Spotts der Leute, der besonders Jesu gefühlbedingtes Leid auf dem Kreuze verursachte. Er klage es dem Herrn, der helfe ihm aus, sagen sie. Hier erscheint es, als ob das Volk den Glauben dieses vollkommenen Gläubigers im Zweifel ziehen. Wie beschimpfend! Der Herr errette ihn, hat er Lust zu ihm. Hier erregt das Volk Zweifel über die Verwandschaft des eingeborenen Sohnes Gottes mit seinem Vater. Wie beleidigend! Schließlich klagt Jesus auch: Sie werfen das Loos um mein Gewand. Das Wort "werfen" in der urspränglichen Sprache erzählt uns, daß dies' nich bloß eine Teilung der Beute war, sondern die Menschen machten die Teilung der Kleider zum Spiel. Das alles mußte es verursachen, daß Jesus sehr traurig fühlte.

Wir können vielleicht an Leute denken, die auch der Liebe wegen beiseite traten oder ihren eigenen Namen in Gefahr stellten. Wir ehren Schauspielerinnen, die beiseite treten, um ihre Kinder aufzuziehen. Wir schätzen Kinder, die eintreten, einen Freundlosen als Freund zu behandeln. Und wir schätzen christliche Führer, die der Kritik sich aussetzen, um das Evangelium Jesu zu fördern. Aber Jesus selbst hat viel mehr getan. Seine große Liebe hat ihn gezwungen, sich gänzlich zu demütigen, obwohl er der mächtige Gott war. Jesus litt furchtbare geistliche Schmerzen. Und so litt Jesus diese größten Schmerzen an Stelle von den größten Sündern. Seht, wie er uns lieb hat!

Drittens erweist Jesus seine Liebe für uns, weil er auf dem Kreuze eigentlich von Gott seinem Vater getrennt war. Wir hören sein schreckliches Geschrei: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Dies' Geschrei ist besonders schrecklich, weil wir gar nichts wissen, womit wir es vergleichen können. Hier auf Erden ist niemand von Gott gänzlich getrennt. Auf Erde gibt Gott sogar den Ungläubigen irgendeine Bewahrung gegen Schmerzen und irgendein Maß der Liebe und der Ehre. Aber Gott musste seinen Sohn an dem Kreuze verlassen. Ich heule, aber meine Hülfe ist ferne. Wieder wissen wir gar nichts, womit man das vergleichen kann. Weder vor noch nach der Kreuzigung Jesu hat Gott einmal das Gebet eines Gläubigers nicht gehört. Aber an dem Kreuze geschah das-- Gott hat Gott verlassen. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht, sagt Jesus. Auf dem Kreuze hatte Jesus gar keinen Frieden, obwohl er die ganze Zeit gebetet hatte. Gott hatte Gott an dem Kreuze verlassen.

Nun hat Keiner auf Erde gänzliche Trennung von allen Segen Gottes je gelitten. Und sicherlich hat Keiner auf Erde diese Schmerzen der Hölle für Andere je gelitten. Aber Jesus, Gott selbst, hat so getan. Er liebt uns in viel größer Weise als irgendeiner je geliebt hat. Und seine Liebe war nicht ohne Erfolg. Jesus hatte keinen Frieden auf dem Kreuze, auf daß wir den "Frieden Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft," haben mögen. Jesus bekam keine Antwort für sein Gebet auf dem Kreuz, auf daß, "als wir den Vater etwas bitten in seinem Namen, so gibt er es uns." Jesus litt eine Scheidung von seinem Vater, auf daß "weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstenthum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andere Creatur, mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn."

Also liebt Jesus dich wahrlich. Er hat seine Liebe für dich nicht nur mit Worten ausgesagt, sondern durch seine Kreuzigung erweist. Ich lade dich heute ein: Setze dein Vertrauen auf Jesu, dir wahren Frieden und himmlische Freude zu bringen. Amen.

Der aber, der Herr des Friedens, gebe euch Frieden allenthalben und auf allerlei Weise. Der Herr sei mit euch Allen! Amen.